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Diktatur bei der Jungen Union?

Der bezahlte Qualitätstjournalismus hat mal wieder einen Artikel hervorgebracht, der so viele inhaltliche Fehler enthält, dass er nicht unwidersprochen bleiben darf. In dem Artikel „Demokratische Revolution bei Merkels Nachwuchs“ von Robin Alexander geht es um das Verfahren zur Nachfolge des scheidenden Bundesvorsitzenden der Jungen Union Philipp Missfelder.

Persönlich freue ich mich ja immer über Artikel, die die Arbeit der politischen Jugendorganisationen beleuchten, da ich diese für ganz essentiell erachte, wenn es darum geht, junge Leute für die Arbeit in politischen Parteien zu gewinnen. Ich mache auch keinen Hehl daraus, dass ich über die Junge Union zu meiner heutigen ehrenamtlichen politischen Arbeit gefunden habe und in den 16 Jahren meiner JU-Mitgliedschaft – mit vielen Stationen im Orts- und Kreisvorstand, als stellvertretender Landesvorsitzender und Delegierter auf Bundesebene – viel gelernt und auch viele nette Leute kennen gelernt habe. Umso mehr konnte ich bei dem vorliegenden Artikel über die vielen falschen Darstellungen nur den Kopf schütteln.

Allein die Headline „Demokratische Revolution bei Merkels Nachwuchs“ suggeriert ja schon, dass es bislang nicht so weit her war mit der Demokratie. In Deutschland gab es die Demokratische Revolution in der DDR, als friedliche Bürger gegen eine Diktatur auf die Strasse gingen. Eine Gleichsetzung mit der Jungen Union ist da ja schon ein hervorragender Einstieg, um den Stammtisch in seiner Ablehnung der „Politiker“ zu bestärken.

In der Subheadline wird gleich mitgeteilt, dass der eigentliche Nachfolger von Missfelder ja in Hinterzimmern ausgekungelt wurde, sich aber jetzt ein Gegenkandidat namens Benedict Pöttering aufgeschwungen hat und per E-Mail an alle Mitglieder ein offenes Verfahren fordert.
Ein Satz, gleich zwei Fehler: Zunächst gibt es keinen feststehenden Nachfolger, denn dieser wird erst im Herbst im bayrischen Inzell gewählt. Richtig ist: Es gab bislang lediglich einen Kandidaten, der öffentlich seinen Hut in den Ring geworfen hat: Den JU-Landesvorsitzenden Paul Ziemiak aus Nordrhein-Westfalen. Ich für meinen Teil habe ihn nicht in irgendwelchen dunklen Hinterzimmern kennen gelernt, sondern auf dem Landestag der Jungen Union Schleswig-Holstein im Oktober 2013, dem höchsten Gremium der Jungen Union hier im Land mit 150 anwesenden Mitgliedern. Und nominiert wurde er vom Schleswig-Holstein-Rat, dem zweithöchsten Gremium im Frühjahr 2014 – und dies einstimmig und natürlich öffentlich, mit Pressemitteilung und allem Pipapo.

Auch das „offene Verfahren in einer E-Mail an alle Mitglieder“ ist falsch. Der Bundesgeschäftsführer der Jungen Union hat dies relativ zeitnah klargestellt:2014-05-08-jubpklarstellung

Der nächste Satz stellt die Junge Union mit der CDU gleich, denn dort würde es ja schliesslich keine Kampfkandidaturen geben und somit gilt dies – dieser Eindruck muss sich aufdrängen – ja auch für die Junge Union.
Wen würde es wundern: Auch diese Annahme ist grundfalsch. Es gab und gibt jede Menge Kampfkandidaturen in der Jungen Union – quer durch alle Ebenen bis hin zum Bundesvorstand. Regelmäßig gibt es dort unterlegene Bewerber. Wer sich dann einmal die Mühe macht, in die Ebenen der Landesverbände zu schauen, der wird dort auch um den Vorsitz Kampfkandidaturen in den letzten Jahren finden.

Auch im weiteren Verlauf finden sich unglaublich viele Unterstellungen und Fehler, die in dieser Häufung nur wenig bis gar nicht nachvollziehbar sind:

  • Ein Vorsitzender wird nicht von „der Öffentlichkeit“ gewählt, sondern von den Delegierten. Und diese sitzen in den Gremien. Da hat sich ein Kandidat auch zu erklären und vorzustellen. Die Transparenzkeule passt hier absolut nicht.
  • Es gibt sehr wohl Artikel über die Kandidatur von Paul Ziemiak. LMGTFY.
  • Nicht der Landesvorstand, sondern das satzungsgemäß dafür vorgesehene Gremium, der Schleswig-Holstein-Rat hat Ziemiak in S.-H. nominiert.
  • Es gab keine E-Mail an alle Mitglieder, siehe oben
  • kritische Inhalte neu für die JU? Auch, wenn die JU auf Bundesebene sicher in den letzten Jahren ruhiger wurde, aber es ist die Vereinigung, die immer noch als „Motor und Gewissen“ der CDU gilt – auch mit kritisch-konstruktiven Beiträgen.

Mit einem wichtigen Hinweis möchte ich schließen: Das ist kein Pro-Ziemiak oder Contra-Pöttering-Post. Aber die Art und Weise, in der hier die Junge Union öffentlich dargestellt wird, ist nicht akzeptabel.

Persönlich habe ich bislang ausführlich nur Paul Ziemiak in Schlesiwg-Holstein erleben dürfen und halte ihn auch für sehr geeignet, den Bundesverband zu führen. Da ich selber aber keine Delegierter mehr in Inzell sein werde, muss ich diese Entscheidung aber auch nicht treffen.

Superungeil

Ich muss mich mal outen: Ich finde die die vielfältigen medialen Kreationen, mit denen Politiker und Parteigliederungen auf sich aufmerksam machen, häufig sehr drollig. Ob es die CDU samt Kuh aus Ahaus oder die Mission der Jungen Union aus Tempelhof-Schönberg ist,  die Leute habens ich Gedanken gemacht und hingesetzt und Arbeit reingesteckt in ein Ehrenamt. Das ist viel mehr, als sich viele Leute in unserer Gesellschaft überhaupt befleissigen zu tun.

Nun viralisierte ja vor einiger Zeit dieses Supergeil-Video, welches von einem Berliner Musikprojekt namens Der Tourist produziert wurde. Aufgrund des Zuspruchs hat sich dann gedacht, geben wir den ganzen Leuten doch die Möglichkeit, sich hier kreativ zu betätigen.

tourist-supergeil-machtwasihrwollt-fb
Quelle: Screenshot https://www.facebook.com/dertouristberlin/posts/10203305286932721

Das hat sich auch die Junnge Union Darmstadt zu Herzen genommen und mit einem freien Beat an Anlehnung an das Ursprungslied ein Video kreiert. Das Video wurde  aus dem Netz genommen – ich hab das Video auch vorher nicht gesehen, kann also nichts zur Qualität sagen –  denn jetzt kommt der superungeile Part:

tourist-supergeil-fb
Quelle: Screenshot https://www.facebook.com/dertouristberlin/posts/526933067418881

Jetzt plötzlich will man also gefragt werden? Nachdem man am 3. März noch groß verkündet hat, man könne damit machen, was man will? Aber es ist ja egal, schließlich hätte man es der JU nicht erlaubt, weil es die JU ist. Passt ja so gar nicht in das hippe, urbane, irgendwie linke (und finanziell vollkommen am Boden liegende) Berlin.

Ich finde es schon ein wenig merkwürdig: Die Union als einzige Gruppierung, die mehrheitlich Urheberrechte recht rigide gerade im Netz stärken und damit Künstlern einen Teil ihres Einkommens zu erhalten, wird von vielen Künstlern eher milde belächelt, wenn nicht sogar abgelehnt. Wäre ja mal ein supergeiler Gedanke, sich über solche Zusammenhänge klar zu werden.

Ranzige Butter

Nachdem ich mich erst kürzlich über die sehr fragwürdigen Folgen von Scherzbetreffen bei Überweisungen moquiert habe, bin ich heute über den Streit um ranzige Butter gestolpert.

Laut Medienberichten hatte eine Kundin ranzige Butter gekauft. Ärgerlich, fürwahr. Die Kundin brachte diese Butter zurück und bekommt, das war der Presse nicht zu entnehmen, wahrscheinlich entweder ihr Geld zurück oder neue Butter. Bis zu diesem Punkt ein normaler Vorgang, wie ich ihn von meiner Sozialisation und Geisteshaltung auch nachvollziehen kann. Für mich wäre der Vorgang nun abgeschlossen.

Jetzt passierte Folgendes: Die Kundin fragte mehrfach bei Aldi Nord nach  Laborergebnissen. Diese wollte Aldi nicht herausgeben, die Kundin ging zu Foodwatch und diese Organisation übernahm die Anwaltskosten für die Klage auf Herausgabe der Laborergebnisse. Aldi gab dann irgendwann die Ergebnisse doch heraus und die Kundin bekam ihre Auskunft.

Am liebsten würde ich jetzt wieder das Jackie Chan Meme bemühen: Mit was für Problemen beschäftigen wir uns eigentlich heute in dieser Gesellschaft? Zwei Päckchen ranzige Butter? Ernsthaft? Da war jetzt kein Rattengift drin oder Rasierklingen. Die war ranzig.

Ich für meinen Teil hätte die Butter wohl weggeschmissen. Für die 3,50 Eur0 wäre ich nicht nochmal zu Aldi gefahren. Beim nächsten Mal hätte ich dann in der Filiale Bescheid gesagt und neue Butter gekauft. Ist die in Ordnung, buche ich das als Einzelfall, ist die wieder nicht in Ordnung, kauf ich eben künftig woanders. Und gut ist.

Es geht mir nicht darum, das Recht der Kundin einschränken zu wollen – nur geht mir diese Denkweise vollkommen ab, dort irgendwelche Laborergebnisse haben zu wollen, mehrfach nachzufragen oder gar zu klagen. Und wenn sich dann solche und ähnliche Vorfälle häufen – und es Lobbyorganisationen gibt, die das auch noch unterstützen – dann frag ich mich wirklich, wo es gesellschaftlich hingeht.

Was läuft hier nur falsch?

Der Bayrische Rundfunk hatte berichtet, dass ein Bankkunde, der einem Freund in der Schweiz Geld überweisen hat mit einem Scherzbetreff nun die nächsten 10 Jahre auf einer schwarzen Liste der Bundesbank steht.

Was war passiert: Ein Bankkunde mit islamisch klingendem Namen hatte einem Freund für einen Urlaub Geld überwiesen. Um den Freund zum Lachen zu bringen, hatte er in den Betreff für die Überweisung „danke für die nacht … kommune1 … bin laden.“ eingetragen. Ob das nun jeder lustig findet, oder nicht, ist in meinen Augen unerheblich. Ich finde unter Freunden bei kleineren Beträgen Spaßbetreffe durchaus nicht unüblich.

Nun gibt es wohl ein automatisiertes System, dass nach bestimmten Wörtern filtert, um Geldwäsche und Terrorismusfinzanzierung zu entdecken. Allein die Kreativität der Schlüsselwörter hat mich zutiefst beeindruckt. Da „bin laden“ wohl ein Kennwort in der Terrorismusfinanzierung ist, sollten Leute, die Geld waschen lieber keinen Betreff verwenden wie „Schwarzgeld aus Drogenhandel“.

Auch, wenn wohl alle Beteiligten der Ansicht sind, der Verdacht ist unbegründet, steht der Kunde jetzt 10 Jahre auf einer Liste seiner Bank und der Bundesbank – wohl gemerkt: bei einem UNBEGRÜNDETEN Verdacht. Gleichwohl wird darauf hingewiesen, dass es Auswirkungen auf Kredite, Reisen, etc. haben kann. Das war der Punkt, wo ich das erste Mal dachte, irgendwas läuft hier aber vollkommen schief. Oder um es mit einem Meme zu sagen:
What the Fuck Meme

Jetzt passiert in einem zweiten Schritt etwas, was mich fast noch mehr aus der Bahn wirft: Das ganze Verfahren wird kritisiert – in meinen Augen zu Recht. Aber die Hauptkritik, die derzeit vom Bayrischen Datenschutzbeauftragten vorgetragen wird, dreht sich um den Output und die Konsequenzen für den Betroffenen. Das bayrische LKA findet das Instrument total toll, das bayrische Innenministerium verweist nur dorthin und die SPD-Landtagsfraktion möchte eine wissenschaftliche Begutachtung.

An diesem Punkt konnte nicht einmal das Jackie-Chan-Meme ausdrücken, was ich dachte. Wird da allen Ernstes über dieses System diskutiert? Bin ich der Einzige, der bei der Verknüpfung von „bin Laden“ im Betreff und ausgelösten Alarmglocken in Sachen Terrorverdacht schon am dem Punkt war, wo er den Stecker ziehen wollte und zwar ohne große ernsthafte Diskussion? Dazu genügt doch manchmal wirklich der gesunde Menschenverstand.